Interview Mit Noemi Blager

Wie kam es, dass die in Italien geborene Architektin Lina Bo Bardi nach Brasilien ging? 
Lina ist 1914 in Rom geboren. Nach Abschluss ihres Architekturstudiums zog sie nach Mailand, wo sie mit Gio Ponti zusammen arbeitete und an einer Anzahl von Publikationen beteiligt war. Lina machte sich die Wertvorstellungen der Moderne zu eigen und sah in der Architektur eine Möglichkeit, das Leben der Menschen zu verbessern. Doch in den Kriegsjahren erlebte sie sehr viel Zerstörung und hatte leider nie Gelegenheit, in Italien einen architektonischen Projekt zu realisieren. Nach dem Krieg war sie sehr enttäuscht von der politischen Situation in ihrem Heimatland. 1946 heiratete sie Pietro Bardi, einen Kunsthändler und Journalisten, mit dem sie dann nach Südamerika ging. In Brasilien lernten sie Assis Chateaubriand kennen, der Bardi vorschlug, ein Museum für zeitgenössische Kunst zu gründen und zu leiten, aus dem schließlich das von Lina entworfenen MASP wurde. Für Pietro und Lina war das die Gelegenheit zur innovativen Planung eines Kunstmuseums. Lina hielt nichts von Museen als Kunstmausoleen, sondern war der Meinung, es sollten lebendige Einrichtungen sein, in denen die Menschen mit den Künsten in Berührung kommen, experimentieren und lernen könnten – ohne einen Unterschied zu machen zwischen großer Kunst und nicht so großer Kunst. Lina verliebte sich in Brasilien, in seine Menschen und seine Kultur, in das Afrikanische des Landes und die sozialen Eigenschaften, die seine Bevölkerung auszeichnen.

Was für ein Architektur-Konzept hatte sie? 
Ich sehe eine interessante Verbindung zwischen Lina Bo Bardi und Luis Borges. Für Borges ist ‚Lesen gleichbedeutend mit Schreiben‘, denn die Geschichte wird durch den Leser vervollständigt, und nur so entsteht Literatur. Lina sagte, bevor sich nicht der Mensch ein Gebäude aneignet und ‚es mit seinem Erleben füllt, das sich mit der Zeit entwickelt‘, existiert die Architektur nicht. Borges will in seinen Büchern den Leser nicht mit Adjektiven und Beschreibungen lenken, er beschränkt sich auf das reine Erzählen, was dem Leser erlaubt, seine eigene Geschichte zu erfi nden. Auch Linas Architektur beschränkt sich auf das Wesentliche – eine einfallsreiche Raumorganisation, die es Menschen erlaubt, sie durch ihre Anwesenheit und ihre Aktivitäten zu ergänzen. Es ist eine Erfahrung, die die Menschen einbezieht und ihnen Macht gibt. Ohne die Menschen wäre die Architektur unvollständig.contribute to the installation as a tribute to Lina.

Wie kamen Sie auf die Idee zu der Ausstellung?
Als ich Lina Bo Bardis Arbeit in Brasilien entdeckte, hat mich daran am meisten interessiert, wie sie als Architektin aus Europa sich mit der für sie neuen Kultur auseinandersetzt. Sie beobachtete die Lebensweise der Menschen – ihr Verhalten, ihre Kultur – und versuchte das in ihrer Arbeit zu spiegeln. Diese Haltung wollte ich vor allem vermitteln, nicht nur ihre Bauten zeigen. Ich entschied mich für eine ArtReinszenierung ihrer Arbeitsweise. Das Publikum sollte möglichst direkt erleben, wie es ist, sich in von ihr geschaffenen Räumen aufzuhalten. Zu diesem Zweck bat ich den in London ansässigen Filmemacher Tapio Snellman,eine Filminstallation einzurichten, in der man die Atmosphäre von Linas Bauwerken in Sao Paulo spüren kann, mit besonderem Fokus auf das SESC. Im SESC kann man Leute aus allen Lebensbereichen und sozialen Schichten bei allen möglichen Aktivitäten sehen, beim Schwimmen, beim Schachspielen bis hin zum Sticken-Lernen. Lina ist es hier gelungen, eine einzigartige Raumqualität zu schaffen, die gleichzeitig öffentlich und familiär ist. Es gibt einen riesigen Aufenthaltsbereich, der trotz seiner Größe die Intimität eines häuslichen Raums hat. Es ist eine Form von öffentlicher Häuslichkeit. Ich bat auch die ebenfalls in London ansässige holländische Künstlerin Madelon Vriesendorp, die in vieler Hinsicht eine ähnliche Sensibilität hat wie Lina, ihr zu Ehren an der Installation mitzuwirken. Ihr Ansatz war die Arbeit mit der brasilianischen Bevölkerung. So organisierten wir einen Workshop in dem von Lina entworfenen Solar do Unhão, dem Museum für moderne Kunst in Bahia, wo Kinder aus dem Ort unter Anleitung von Madelon Vriesendorp mit recycelter Pappe bastelten. Dann stellte sie diese Sachen mit einheimischem Kunstgewerbe und von ihr selbst geschaffenen Objekten zusammen. Durch das Zusammenspiel der Filme und der Handarbeiten in dem für die Ausstellung entworfenen Setting entsteht eine besondere Atmosphäre. Die wollten wir vermitteln.

© Matti Östling

Wer hat die Ausstellung konzipiert? 
Assemble, ein Kollektiv von Architekten, Künstlern und Designer. Es ist ein sehr kreatives Team. Alle wollten an dem Projekt mitarbeiten, um etwas über Lina Bo Bardi zu erfahren. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, eine Ausstellung zu gestalten, die transportierbar sein sollte und in Innenräumen wie auch Open air gezeigt werden könnte. Nachdem sie in der British Council Gallery zu sehen war, gehtdie Ausstellung über Wien, Paris in andere europäische und amerikanische Städte. 

© Schnepp Renou

Auf welche Weise ist Arper daran beteiligt? 
Arper hat mit Lina viele Wertvorstellungen gemeinsam, die zutiefst humanistisch sind. Im Zentrum ihrer Vorstellung von Kultur stand das Leben, die Nähe zu den Menschen und zur Natur. Arper leistet seinen Beitrag dazu, Lina Bo Bardis Arbeit zu verbreiten und bekannt zu machen. Arper unterstützt nicht nur die Ausstellung, sondern erforscht Linas Design-Vision auch durch eine Neuedition des von ihr entworfenen Bowl Chair aus dem Jahr 1951, der niemals industriell produziert worden ist. Ergebnis dieses Experiments wird eine limitierte Edition sein, von der Arper dem Instituto Lina Bo e P. M. Bardi 100 Stück zu schenken beabsichtigt.

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