Work-life-balance

Die Designer Alberto Lievore, Jeannette Altherr und Manel Molina leben in Barcelona, wo sie 1991 das Designbüro Lievore Altherr Molina gegründet haben. Seitdem haben sie auf der ganzen Welt mit Unternehmen in den Bereichen Produktdesign, Beratung und Artdirection zusammengearbeitet. Seit 1999 arbeitet Lievore Altherr Molina mit Arper zusammen und hat seitdem einige Möbelstücke mit hohem Wiedererkennungswert entworfen,darunter die Kollektionen Leaf, Catifa und Saya. Hier erläutern die Designer ihre neuesten Entwürfe: Colina und das Zinta.

© Marco Covi

Auf welche Weise beeinflusst oder formt Eurer Meinung nach ein Raum das sich darin abspielende Leben?
Wir sind der festen Überzeugung, dass die Stimmung eines Raumes, die Ausstrahlung seiner Elemente und seiner Einrichtung unsere Gefühle und unser Verhalten beeinflussen. Das gilt nicht nur für unser Zuhause oder unseren Arbeitsplatz, sondern für alle Arten von Räumen: Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Krankenhäuser und Flughäfen. Räume können bilden oder entspannen, die Konzentration oder Genesung fördern, und sie laden zu Zusammenkünften ein. Ein Raum ist ein System sozialer Strukturen, eine Art des Organisierens, ein Zusammenfließen von Geräuschen, Temperatur, Licht, Architektur und Gegenständen. Die Einrichtung ist der Teil eines Raumes, der dem Körper am nächsten ist. Menschen identifizieren sich stark mit Objekten.

Wie verbinden sich heute Privatleben und Arbeit miteinander? Gibt es unterschiedliche Anforderungen an Lebens- und Arbeitsräume?
Dies ist ein ständiges Diskussionsthema zwischen Arper und unserem Büro. Wir sehen darin auch ein Stück aktuellen kulturellen Zeitgeist. Wir sprechen immer wieder über das Fehlen klarer Grenzen zwischen dem Ende der Arbeit und dem Beginn des Privatlebens.

Warum wird die Komplexität des Entwerfens als Arbeit angesehen, aber nicht diejenige des Familienlebens? Was bedeutet es, an unseren Beziehungenund an uns selbst zu arbeiten? Welche Abgrenzungen gibt es?
Unser eigener Arbeitsplatz hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Statt an einem realen Tisch arbeiten wir an einem großen virtuellen „Tisch“ – unseremComputer-Netzwerk. Wir müssen nicht länger physisch innerhalb eines definierten Zeitrahmens anwesend sein. Diese Flexibilität ermöglicht es uns, konstant zwischen Privat- und Arbeitsleben zu wechseln: ein Treffen mit einem Kunden, dann ein persönliches Telefongespräch, der Besuch einer Schulveranstaltung, das Lesen eines interessanten Artikels, den wir mit unseren Kollegen diskutieren, die Korrektur eines Prototyps. Auf dieselbe Weise bringenwir kontinuierlich Beobachtungen und Erfahrungen in unsere Designpraxis ein. Es ist unser Leben, das unsere Arbeit speist und inspiriert. Arbeit ist nicht nur ein Job. Leben und Arbeit sind … nein, nicht immer dasselbe, aber nicht voneinander zu trennen.

© Marco Covi

Welche Rolle spielt das Internet für die Vermischung von Arbeit und Leben?
Mit der Entwicklung des Internets – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche verfügbar – sind wir in der Lage, ständig miteinander verbunden zu sein und über Zeitzonen und Ländergrenzen hinweg zu arbeiten. Zahlreiche Arbeitsaktivitäten wietworking in Facebook, Beantwortung von E-Mails oder die Suche nach Inspirationsquellen in Blogs oder auf Pinterest können leicht von zu Hause erledigt werden. Mehr Flexibilität verlangt jedoch nach einem bewussteren Umgang. Die Technologie sollte uns helfen, unser Leben besser zu organisieren – nicht in ihrer Gnade zu stehen.

Verwenden wir Laptops und Handys als eine Möglichkeit, Arbeit und Leben in Einklang zu bringen und auszubalancieren oder verurteilen sie uns dazu, jederzeit verfügbar zu sein? Sind wir effizient oder arbeitssüchtig, wenn wir Arbeitsanrufe um Mitternacht beantworten? Sind wir in der Lage, uns selbst Grenzen zu setzen? Ist das sogar notwendig? Wie haben diese Veränderungen Euer praktisches Arbeiten und auch Eure Arbeitsbeziehungen beeinflusst?So wie wir arbeiten, arbeiten heutzutage immer mehr Menschen. Die fließende Arbeitsweise der Kreativindustrie wird auch zum Modell für viele andere Branchen. Unsere Beziehungen basieren immer mehr auf Kommunikation. Hierarchien werden flacher – Arbeitsstile charakterisieren sich weniger durch eine Führungskraft, die Probleme löst, als vielmehr durch Projektentwicklung mittels Teamarbeit. Jüngere Generationen möchten nicht für die Arbeit leben, sondern vielmehr mit der Arbeit leben. Sie sind auf der Suche nach einem besseren, fließenderen Gleichgewicht zwischen beidem. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben löst sich auf. Viele entscheiden sich dafür, ihre Arbeit nicht zu strikt vom Leben zu trennen. Wir vertreten diese Idee seit Langem und haben sie, während wir entwerfen, immer im Hinterkopf: Ästhetik und Schönheit, Nutzwert, Flexibilität, Ausdruck und Bedeutung sind wesentlich für Einrichtung und Räume – auf der Arbeit und zu Hause. Und so entwerfen wir weiterhin anpassungsfähige, fließende und empathische Arbeitsräume und Möbel.

© Marco Covi

Tatsächlich arbeiten wir mit Arper seit der allerersten Kollektion an der Idee flexibler Arbeitsräume und sanfter Objektbereiche – nur dass dies erst seit Kurzem ein vorherrschender Trend geworden ist. Catifa ist so ein überaus flexibles und erfolgreiches System geworden, weil seine ausbalancierten Formen sanft genug für das Arbeiten von zu Hause und gleichzeitig ausreichend technisch genug für die Verwendung in definierten Objektbereichen sind. Auch unsere anderen Kollektionen sind inspiriert durch die Idee der „sanften Technik“ und ein klares Beispiel dafür, was damit gemeint ist. Ihr habt eine langjährige Arbeitsbeziehung mit Arper. Wie wurden Eure Designentwürfe für Arper von der sich stets verändernden Arbeits- und Lebensdynamik beeinflusst?
Im Hinblick auf unsere Arbeit für Arper bedeuten diese Veränderungen, dass wir nicht in Kategorien wie „Möbel für zu Hause“ versus „Möbel für die Arbeit“ denken. Teile der Arbeit und Teile des Lebens spielen sich in denselben Räumen ab und – manchmal – zur selben Zeit. Wir streben nach mehr als Funktionalität; wir möchten, dass unsere Umgebung funktioniert und dabei Bedeutung besitzt. Wir betrachten sie als Spiegel unserer Ideale und Ziele. Wir fordern, dass wir nicht nur in unserem Zuhause über uns selbst nachdenken, sondern auch in allen anderen von uns „bewohnten“ Räumlichkeiten. Jeder Raum hat seine Geschichte und jeder Teil ist ein kleiner Satz dieser Geschichte. Dies erfordert es, dass Möbel eine Persönlichkeit besitzen, aber auch in der Lage sind, sich in unsere individuellen Kontexte zu integrieren. Menschen möchten sich selbst durch das, was ihre persönliche Wahl ist und durch verschiedene Tonlagen ausdrücken – dafür bietet zum Beispiel auch eine Palette von unterschiedlichen Ausführungen von Möbeln die Möglichkeit.

Was war das Ziel beim Entwerfen Eurer beiden neuen Kollektionen für Arper – Colina und Zinta?
Die beiden neuen Kollektionen, die wir dieses Jahr für Arper präsentieren, sind für Situationen entworfen, in denen sich Menschen treffen, miteinander in Verbindund treten und kommunizieren – nicht um einen Tisch herum, sondern bequem in einer Lounge sitzend. Wir stellen uns vor, dass diese Stücke bei einer Verabredung mit Freunden zum Einsatz kommen, oder wenn jemand Wartezeit in einer Hotellounge für ein Privat- oder Arbeitstelefonat nutzen möchte, auch für Treffen mit Kunden in einem Büro eignen sie sich. Um was auch immer es sichhandelt, Kommunikation erfordert eine gewisse Einstellung – es geht um Offenheit, Großzügigkeit, die Fähigkeit zuzuhören,zu antworten und die Dinge auch einfach mal laufen zu lassen. Die beiden Kollektionen, die wir für Arper entworfen haben, sollen dabei helfen, diese offene Haltung zur Kommunikation mitzufördern.

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