Edition: Bardi’s Bowl Chair

© Marco Covi

Ein Dialog zwischen Arper und Lina „Was wir bei der Restaurierung von Bahias Altstadt im Auge haben, ist eine moderne Prägung, die die Grundsätze historischer Restaurierung streng respektiert. Deshalb dachten wir an eine Restaurierungsmethode, die nicht nur die Außenansicht vollkommen intakt lässt, sondern auch den Geist, die innere Seele jedes Gebäudes… Wir wollen mit nichts eingreifen, aber uns in alles einmischen“, – Lina Bo Bardi.

Was bedeutet es, eine Neuedition zu machen? Ist es notwendig, das Objekt identisch zu rekonstruieren? Den Schritten der Vergangenheit im Gleichschritt zu folgen und auf die Innovationen der Gegenwart zu verzichten? Ist es wichtiger, den Geist des Originals zu erhalten oder seine originalen technischen Attribute? Wie eng hängen Ideen und Ideale mit den technischen Verfahren zusammen?

Mit diesen interessanten Fragestellungen wurde Arper bei seiner Unterstützung der Ausstellung „Lina Bo Bardi: Together“ konfrontiert. In dieser von Noemi Blager kuratierten Ausstellung verbinden sich Kunst und Handwerk der Künstlerin Madelon Vriesendorp, des Filmemachers Tapio Snellman und die Arbeit des Design-Kollektivs Assemble in einer Installation, die auf lebendige Weise Lina Bo Bardis Denkweise und Design-Vision vergegenwärtigt. Die Kuratorin erkannte in Arper den idealen Partner für die Entwicklung des gesamten Projekts und für die Realisierung der Neuedition des Bowl-Sessels gemeinsam mit dem Instituto. Eine außergewöhnliche Gelegenheit zu kreativer Zusammenarbeit, ausgehend von der von Lina vertretenen Haltung einer Offenheit des Designs gegenüber Kultur, Umgebung und Menschen. Für Arper war es die einzigartige Chance, eine der berühmtesten Kreationen der italienischbrasilianischen Architektin zu erforschen und neu zu interpretieren mit dem Ziel, ihre Arbeit zu würdigen und sie gleichzeitig den eigenen modernen Produktionsmethoden anzupassen.

© Marco Covi

1951 in Lina Bo Bardis Wahlheimat Brasilien entworfen, ist der Bowl Chair ein Symbol ihres wandlungsfähigen Stils. Wie so vieles in Lina Bo Bardis Arbeit war der Bowl Chair nicht als pures Luxusprodukt allein um des Designs willen kreiert worden, sondern als erschwingliches, fl exibles Objekt, das sich harmonisch in jede Umgebung einfügen sollte. Mit den vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten des Sitzes konnte der Sessel verschiedene Funktionen erfüllen. Um einen Couchtisch herum angeordnet, fördert der Sessel die soziale Interaktion, nach unten gekippt, wird er zum Nest, in dem man mit einem guten Buch versinken kann.

Dreht man ihn mit der Öffnung nach oben, wird er zur Wiege für ein geschütztes Nickerchen. In der Balance zwischen industrieller Produktion und individuell angepasstem Objekt war der Bowl Chair für Lina Bo Bardi ebenso

Flexibel in der Struktur wie universell in der Form. Aber wie bei allen Kreationen von Lina Bo Bardi bleibt der Schwerpunkt das Zusammenspiel von Mensch und Objekt. Nach Linas Tod 1992 wurde das Instituto Lina Bo e P. M. Bardi zum Verwalter des geistigen Eigentums an ihren Designs.

© Instituto Lina Bo e P. M. Bardi

Arper hat eine Reproduktion des Bowl Chair in limitierter Edition hergestellt, die das Instituto zur Bewahrung und Verbreitung von Lina Bo Bardis Erbe verwenden kann. Im Geist der Designerin hat Arper die Reproduktion mit der gleichen Präzision und Sensibilität interpretiert, wie Lina Bo Bardi sie in ihren Projekten zeigte, zum Beispiel bei den Restaurierungsarbeiten in der Altstadt von Bahia und im legendären SESC Pompeia.

© Instituto Lina Bo e P. M. Bardi

Zu Beginn der Kooperation gab es kaum konkrete Unterlagen zu den Produktionsdetails des Sessels. Nur einige Skizzen und Entwürfe, ausgenommen zwei weitere Originalexemplare – ein einzelner Bowl Chair aus schwarzem Leder aus dem Jahr 1951, der als repräsentativste Version gilt, weil er von Lina Bo Bardi selbst entwickelt wurde, und ein anderer, vermutlich später hergestellter, mit einer etwas kleineren Sitzschale und Kissen in leuchtendem Rot.

Making of© ph. varianti.it

Beide stehen jetzt in Sao Paolo in dem Haus, das ihr gehörte, der Casa de Vidro, dem Glashaus. Lina Bo Bardi hat keine Angaben über die genauen Maße oder Details hinterlassen.

© ph. varianti.it

In Zusammenarbeit mit dem Instituto hat Arper einen kreativen Ansatz gewählt, der zwischen einer Interpretation des Original-Designs und dem erreichten Stand der eigenen technischen Kompetenzen vermittelt, um auf bestmögliche Weise Lina Bo Bardis ursprüngliche Idee darzustellen, aber dabei die Möglichkeiten der modernen Technologein industrieller Produktion zu berücksichtigen.

© ph. varianti.it

Im Zuge der Zusammenarbeit wurde nahezu sofort klar, dass die einheimischen Herstellungsverfahren in Brasilien zu der Zeit, als der Bowl Chair entworfen wurde, nahezu ausschließlich handwerklicher Art waren. An dem in der Casa de Vidro aufbewahrten Original untersuchte man die Abmessungen, den inneren Aufbau, die Einzelheiten des Bezugs (von der Art bis hin zur Größe der Nahtstiche), die Dichte des Schaumstoffs, die Weichheit oder Elastizität des Sitzes. Arper und das Instituto nutzten intensiv alle mögliche Kommunikationskanäle.

Prototype & Bowl Chair base© ph. varianti.it

Wichtige Partner von Anfang an waren die Direktorin des Instituto, Anna Carboncini, und der bekannte Design- Historiker Renato Anelli. Die Kommunikation erfolgte fast ausschließlich auf digitalem Weg: über Skype, E-Mail, elektronische Übermittlung von Zeichnungen und Fotos, die geeignet waren, Linas Vorstellungen und Impressionen wiederzugeben. Trotzdem überwog dabei immer noch die universelle Sprache der Handbewegungen, vielleicht die tiefste kulturelle Verbindung zwischen Brasilien und Italien. Das Instituto übermittelte die Eigenschaften und Abmessungen des Originals bezogen auf Hand und Körper und beschrieb auf diese Weise physisch die jeweiligen Proportionen, die Beschaffenheit, Dicke, Tiefe, Festigkeit, Weichheit. Im Gegenzug erstellte Arper als Anleitung für das Instituto eine Vorlage für die Zusammenstellung von Informationen, um die erforderlichen Daten für die "Reproduktion“ des Originals zu erhalten und Konstruktionszeichnungen anfertigen zu können. Ein Prototyp in verkleinertem Maßstab wurde hergestellt, um Verfahren und mögliche Verbesserungen auszuprobieren.

© ph. varianti.it

Sehr schnell standen die Materialien und Verfahren für die Ausführung des Schaleninnenaufbaus zur Diskussion. Das Original bestand aus handgeschmiedetem Eisen, was die Form schwerfällig und unfl exibel machte und mit den Erfordernissen der heutigen industriellen Produktion und den aktuellen Qualitätsstandards unvereinbar war. Arper schlug eine Schale aus Kunststoff vor, um der Konstruktion Leichtigkeit, Festigkeit und Flexibilität zu geben. Eine Kunststoffschale würde die komplexe Struktur von Schaum und Polster leichter aufnehmen und hätte genügend Elastizität für die Einpassung des Lederbezugs. Ein kleines Modell wurde hergestellt, um zu begreifen, wie die Polsterung zuzuschneiden und einzubauen war. Jedes kleinste Detail – bis hin zu den schmalen Ledereinfassungen rund um den Stahlrohrrahmen, die die Schale in ihrer Position halten sollen – wurde aufmerksam und sorgfältig neu interpretiert.

© ph. varianti.it

Obwohl das einzige auffi ndbare Original ein schwarzer Ledersessel ist, lassen die vielen Entwürfe von Lina Bo Bardi vermuten, dass der Bowl Chair auch in vielen anderen Ausführungen und Farben hergestellt werden sollte. Ähnlich wie Arpers Catifa-Familie, die ebenfalls vielfach varierbar ist: eine einfache und elementare Idee, die auch heute noch sinnvoll und nützlich ist. Deshalb arbeitet Arper an der Weiterentwicklung der Materialpalette für den Bowl Chair, an der Verfeinerung der Interpretation mit einer Reihe von Stoffen, die den lebendigen Geist Linas ebenso spiegeln wie die kreative Symbiose von brasilianischer und italienischer Kultur.

© Matteo Imbriani

Als italienische Architektin, die sich die Ideale der Modern zu eigen machte, vertrat Lina immer eine Design-Auffassung, in der Erschwinglichkeit, Engagement und Großzügigkeit im Vordergrund standen. Wie sie selbst sagt: „Mittel standardisieren, um den Bereich des Möglichen zu erweitern, damit etwas, das nur für wenige da ist, für viele erreichbar wird, das bedeutet „Verbesserung“, denn es ist viel leichter, eine einzige elementare Struktur gründlich zu studieren, als eine unbegrenzte, endlose Vielzahl.“ (1951).

Arper Milano showroom Lina Bo Bardi© Matteo Imbriani

Von der gleichen Wertvorstellung erfüllt, machte sich Arper an die Umsetzung dieses Ziels: Produktion der Exemplare des Bowl Chair, um ihn für das breite Publikum erschwinglich und verfügbar zu machen. Mit den Worten von Arper-Chef Luigi Feltrin und seinem Stellvertreter und Arper-Geschäftsführer, Claudio Feltrin: „Mit diesem Projekt möchten wir dem Bowl Chair und Linas Denkweise eine Zukunft geben. Die limitierte Edition stellt eine Verbindung her zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ Nach einigen Monaten der Diskussion und Zusammenarbeit, des Entwerfens und Testens präsentierten Arper und das Instituto im Herbst 2012 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Lina Bo Bardi: Together“ in London einen Prototyp des Bowl Chair.

© Instituto Lina Bo e P. M. Bardi

Mit der Reproduktion des Bowl- Sessels hofft Arper die passionierte Arbeit Lina Bo Bardis bekannt zu machen. Bei näherer Betrachtung dieses einzigartigen und vielseitigen Designs erkennen wir nicht nur den Stempel der Designerin und ihrer humanistischen Philosophie, sondern auch den Einfl uss ihrer Arbeit aus historischer Perspektive betrachtet. Nur durch die Linse der Zeit lassen sich Entwicklung und Kontinuität der Formen erkennen.

© Matteo Imbriani

Arper wird eine bestimmte Anzahl von Stühlen der limitierten Edition dem Instituto Lina Bo e P. M. Bardi schenken. Ein Teil des Erlöses aus den verbleibenden Stühlen soll in kulturelle und soziale Projekte reinvestiert werden, so wie es Lina Bo Bardi gewollt hätte, zugunsten der Menschen.

Bardi's Bowl Chair Arper Showroom Milano© Matteo Imbriani

bardisbowlchair.arper.com

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