Lievore Altherr im Gespräch

Alberto Lievore und Jeannette Altherr bilden zusammen das Designbüro Lievore Altherr in Barcelona. In ihrer fast zwei Jahrzehnte währenden Zusammenarbeit mit Arper zeichneten sie für einige der bekanntesten Klassiker in Arpers Kollektion verantwortlich – darunter Leaf, Catifa und Parentesit – und entwarfen Messestände und Ausstellungsräume für Arper. Hier erfahren wir, was Jeannette Altherr und Alberto Lievore unter dem Stichwort “gemeinsam” verstehen.


Können Sie uns erklären, was das “Gemeinsame” der Produkte und Kollektionen von Arper ausmacht?

Die meisten Möbelfirmen versuchen möglichst viele verschiedene Designer im Programm zu haben. Bei Arper dagegen gibt es eine genau definierte Grundlinie, eine DNA, und dann werden verschiedene Designer eingeladen, diese DNA von ihrem Standpunkt aus umzusetzen. Das gleiche Denken, ausgedrückt in verschiedenen Sprachen.


Wie wirken Farben, Formen und Oberflächen zusammen?

Die Idee des “Kuratierens”, des Schaffens von Zusammenhängen, ist heute allgegenwärtig. Jeder ist Kurator: Instagram, Pinterest, Facebook, überall, wo man Bilder benutzt, wird man zum Kurator seiner eigenen Wirklichkeit. Man denkt genauer darüber nach, was man mitteilen will. Darin liegt aber auch eine Herausforderung. Die gleiche Tendenz ist im Interior Design zu beobachten: Zusammenhänge und Mischungen herstellen. Was dabei herauskommt, ist manchmal schwer vorherzusagen. Deshalb haben wir uns über dieses Thema Gedanken gemacht, um Hilfen für gelungene Zusammenhänge bereitzustellen. Bei vielen Produktdesignern spielt das Verhältnis von Farbe, Material und Form noch immer keine große Rolle, sie denken, dass die Farbe zum Schluss kommt, willkürlich oder nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählt, aber kein essentieller Bestandteil des Produkts. Arper geht mit dem Thema ganz anders um. Sehr schön kann man das an den Farben für die Neuauflage von Catifa 46 letztes Jahr sehen, die sehr sorgfältig in Abstimmung mit der Formensprache der Stühle ausgewählt wurden. Innerhalb einer Kollektion sucht Arper die Farbtöne so aus, dass sie in jeder Kombination zueinander passen und interessant wirken. Je nachdem, wie man die Farben zusammenstellt, beeinflusst man das Ergebnis. Man legt fest, welche Rolle ein bestimmtes Element spielen soll: ein einziger farbiger Stuhl in einem Raum macht eine andere Aussage als eine bunte Mischung verschiedener Farben.

Wie wirken Design und Kontext zusammen?

Das ist ein vielschichtiges Verhältnis. Es geht ja nicht einfach darum, ein einzelnes Möbelstück zu entwerfen oder es hinsichtlich Polsterung oder Bezugsstoff näher zu definieren, sondern es geht um ein Möbelstück zusammen mit anderen in einem bestimmten Raum, in einem bestimmten Kontext, in einer bestimmten Kultur. Weil man das aber nicht genau vorhersehen kann, ist uns der Gedanke gekommen, dass die Vorstellung von einem genau fixierten Design vielleicht überholt ist. Was in einer globalisierten Welt gebraucht wird, sind Design-Systeme, nicht Einzelstücke oder Einzelformeln. Jede Kultur, jede Umgebung verlangt eigene Ausdrucksformen. Hier ist Aufmerksamkeit, ja Bescheidenheit gefragt: das Wissen, dass nichts überall gleich wirkt, weil alles in einem Kontext steht. Es geht auch nicht einfach darum, für jedes Design möglichst viele Gestaltungsoptionen anzubieten – das Design selbst muss von Anfang an so konzipiert sein.


Beobachten Sie einen Wandel in der Art, wie Menschen heute zusammenarbeiten?

Die digitale Technik hat unsere Art und Weise zusammenzuarbeiten eindeutig verändert. Zunächst arbeiten wir heute mit Menschen, die teils sehr weit weg sind. Das hat das Ergebnisspektrum in einer Weise erweitert, wie sie vor 15 Jahren unbekannt war. Nicht nur das: heute haben wir durch das Internet und die sozialen Medien Zugriff auf eine immense Masse von Informationen und Bildern, und das versetzt uns in einen ständigen Dialog, einen kontinuierlichen Austausch von Ideen. Das ist sehr inspirierend, aber es kann auch fordernd sein, denn der Rhythmus, in dem die Ideen auftauchen, hat sich beschleunigt, und damit steigt auch der Druck, originell und anders sein zu müssen. Aber nicht nur, was man tut, steht unter diesem Druck – man muss auch die Leute dazu bringen, einen wahrzunehmen in dem, was man tut, und dafür ein Aufmerksamkeitsfenster zu öffnen. Unter diesem Druck ist kaum noch Zeit oder Platz für Zweifel, das macht uns Sorgen. Zusammenarbeit hat so viele Dimensionen. Da sind die Kollegen im Büro, dann der Kunde, die Leute, die man nicht sieht, verschiedene Märkte, verschiedene Kontinente. Zusammenarbeit ist ein Prozess, wenn es uns gelingt, einen Raum für Zweifel zu schaffen, können wir eine Menge lernen.


Wie wirken sich Ihrer Meinung die uns umgebenden Räume auf unser Verhältnis auf die Menschen darin aus?

Winston Churchill hat einmal gesagt: “Erst formt der Mensch die Gebäude, und dann formen sie ihn.” Unsere Räume sollten widerspiegeln, was wir selbst sein oder zumindest werden wollen. Wenn man davon ausgeht, dass Räume über dieses Potenzial verfügen, muss man sich fragen: Was wollen wir mit den Räumen, in denen wir leben, zum Ausdruck bringen? Ein guter Raum vermittelt das Gefühl, dass es in ihm Platz gibt für Entwicklungen und Experimente, für Gedanken, Neugier und eine gewisse Freiheit – nicht nur für eine fest vorgegebene Linie. Er unterstützt solche Qualitäten und vermittelt ein positives Gefühl. Aber jeder hat einen anderen Blickwinkel: was gut für mich ist, muss nicht notwendig gut für andere sein. Deshalb braucht man maßgeschneiderte Lösungen für jedes Projekt. Architekten glauben natürlich, die Architektur macht den Raum. Aber Möbel haben einen genau so großen, wenn nicht einen größeren Einfluss. Ein Raum ohne Möbel kann alles und nichts sein. Es ist die Ausstattung, die einem sagt, worum es geht, die einem ermöglicht zu bleiben. Denn ohne einen Stuhl oder einen Platz zum Sitzen dreht man sich wahrscheinlich wieder um und geht.

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